Als ich mich am Sonntag mit zwei anderen Mädchen (eine Franzosin und eine Deutsche, Gel und Franziska) mit der Fähre auf nach Motutapu Island machte, wussten wir noch nicht, was uns erwartete.
Mit Spannung und Vorfreude erfüllt genossen wir die Fahrt raus zu den Inseln im Harauki Gulf vor Auckland. Vorbei an Rangitoto, einer Vulkaninsel, die ein beliebtes Ziel darstellt und die Nachbarinsel von Motutapu ist, ging es weiter zu Home Bay, dem Anlaufpunkt für Schiffe auf Motutapu. Die Neuseeländer bewiesen mal wieder ihre lockere und freundliche Art; direkt als wir vom Boot runtergingen kam einer derjenigen, die auf der Insel arbeiten, zu uns und fragte uns ob wir wissen was wir tun, wo wir hinmüssen, ob wir Wasser haben etc. und zeigte uns den Weg zu unserer gewählten Route. Außerdem lud er uns ein am Ende des Tages vor der Heimfahrt in das restaurierte Farmhaus am Home Bay Strand zu kommen und sich zu den Volunteers und Arbeitern zu gesellen, die dann ein Barbecue veranstalten wollten.
Kostenloses Essen? Immer doch! Wir hatten schon eine Route im Kopf und die sollte uns genug Zeit geben um noch ein wenig Gastfreundschaft und Essen zu genießen, bevor es mit der Fähre wieder nach Hause gehen sollte. Dachten wir zumindest.
Auf ging es durch "native New Zealand bush", die Baumkronen ein willkommener Schutz vor den heißen Sonnenstrahlen. Strahlend blauer Himmel und Sonne - das Wetter war perfekt, wenn auch etwas warm. Gerade in Neuseeland verbrennt die Sonne einen leider auch sehr schnell, da ist Vorsicht angesagt.
Bei unserem Trip durch den "native bush" sah und hörte man den ein oder anderen seltenen Vogel (zumindest ließen uns die älteren Damen vor uns, allem Anschein nach erfahrene Wanderer á la Oma Erika, das wissen), die dem Europäer fremd vorkommenden Bäume und Büsche Neuseelands und schöne kleine Blumenwiesen. Alles in allem eine sehr beruhigende Atmosphäre.
Da die Nachbarinsel Rangitoto bekannter ist und ein beliebtes Ziel für Touristen darstellt, waren die meisten Leute auf der Fähre dort ausgestiegen. Auf Motutapu waren vielleicht zehn Leute, darunter wir, und davon gingen auch nur wir drei Mädels und drei ältere Damen in diesselbe Richtung los.
Was das genau heißt? Friedliche Stille, bis auf das Zirpen der Grillen, das gelegentliche Vogelgezwitscher, das Rauschen des Meers und ab und an hörte man die Kühe, von denen es auf der Insel einige gibt.
Dank einer Karte und der wandererprobten Franziska verlief der Trip zu Beginn weitgehend ereignislos; wir folgten mal diesem, mal jenem Wanderpfad, genossen die wunderschöne Landschaft mit grünen Hügeln und blauem Meer bei wunderbarem Wetter.An der Administration Bay legten wir dann eine Pause ein, tauchten die Füße kurz ins kühle Wasser und nutzten die Gelegenheit für einen Snack und das ein oder andere schöne Foto.
Ja, es war eine lustige Wanderung, so viel steht fest. Die Kühe auf der Insel, denen man ab und an begegnete, trugen immer wieder zur allgemeinen Belustigung bei - sehr neugiere Tiere, die einem hinter her starren und teilweise sogar folgen. Wir hätten sie glaube ich noch süßer gefunden, wenn sie nicht die ein oder andere Wiese dermaßen zertrampelt oder/und mit versteckten Kuhfladen dekoriert hätten.
Wir gelangten an den Punkt der Insel, an dem man (wenn man Zeit und Lust hat) nach Rangitoto rüberlaufen kann. Das war aber nicht unser Plan an diesem speziellen Tag. Mit erneutem Blick auf die Uhr und einem entspannten "Ach, es ist ja gerade mal viertel vor zwei" ging es weiter in Richtung Home Bay. Dachten wir zumindest.
Bislang waren wir weitgehend den Pfaden gefolgt und hatten uns dabei entweder an den Wegen/Straßen (sofern vorhanden) oder den orange-markierten Pfosten orientiert. Irgendwie mussten wir aber vom Weg abgekommen sein, denn nachdem wir einige Minuten lang keinen einzigen Pfosten und auch keinen Weg sahen, fanden wir das schon etwas merkwürdig, aber noch nicht beunruhigend. Dann ging man eben immer weiter in die Richtung, immer an der Küste entlang, dann müsste man bei Home Bay ankommen, auch ohne spezifisch angezeigten Weg.
Tja, falsch gedacht. Als wir zunehmend verwirrt wurden ("Wo genau sind wir?") und die Minuten dahinstrichen, machte sich Unruhe breit. Schließlich mussten wir zugeben: "Wir haben uns verlaufen."
Wie jeder gute Teenager übersprangen wir die Panik und gingen direkt zu hysterischem Gelächter über, bevor wir uns dann mit Hilfe von GPS zu orientieren versuchten. Da die letzte Fähre bald abfahren sollte (so viel zum Barbecue) bewegten wir uns konstant in die Richtung weiter, in der wir Home Bay vermuteten. Stehen bleiben erschien uns noch ungünstiger.
Wir konnten dann auch irgendwann rauskriegen, dass wir tatsächlich nahe Home Bay sind (zum Glück, wir hatten schon spekuliert ob wir es mysteriöser Weise geschafft hatten wieder an die andere Küste zurück zu wandern...). Nur wo genau sollte es jetzt lang gehen und wie schnell kam man da hin?
Wir wanderten also über Hügel, Täler und Kuhwiesen, winkten den neugierigen Bewohnern dieser zu, und kletterten über diverse Zäune, sprangen über Bäche und tasteten uns um besonders matschige/kuhfladenreiche Flecken herum.
Nach einem erfolgslosen Versuch an die Bucht runterzurennen und die Aufmerksamkeit einiger vorbeifahrender Boote auf uns zu lenken, dachten wir uns: "Jetzt sind wir schon hier unten, da können wir auch gleich ander Küste entlang."
Gott sei Dank war gerade Ebbe, daher konnten wir über die Steine, scharfkantigen Muscheln, enthüllte Meerespflanzen usw. klettern, immer mit Blick auf eine Bucht, die unser Ziel darstellte. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, dass es tatsächlich Home Bay war (so viel Glück hielten wir für unwahrscheinlich), aber wir wollten es dennoch dorthin schaffen, da dort Boote in der Bucht lagen und vielleicht jemand wusste wo wir lang mussten oder uns sogar mitnahm.
Nachdem das Wasser an manchen Punkten schon wieder zu steigen begann und die Kletterei zunehmend auf die Felsklippen verlagert werden musste, beschlossen wir irgendwann umzudrehen. Wir konnten nicht wirklich sehen, was vor uns lag, ob hinter der nächsten Biegung tatsächlich noch mehr begeh(lies: bekletter)bares Gelände vor uns lag oder nicht einfach nur Meer. Wobei wir an dem Punkt schon drüber nach dachten, wie weit das wohl zu schwimmen wäre...
Kameras und der Gedanke an noch recht kühles Wasser hielten uns davon aber ab und wir drehten um. Zurück an unserem Startpunkt, einer kleinen Sandbucht, beschloss ich dann das Fullers Office (die Fährenorganisation) anzurufen. Der ursprünglich Plan war diese zu fragen, ob sie vielleicht eine Kontaktnummer von jemanden auf der Insel haben, der uns dann entweder Anweisungen geben konnte oder uns vielleicht sogar mit einem der Geländewagen abholen würde.
Gesagt getan.
Nach kurzem Hin- und her um jemanden zu finden, der sich mit der Insel auskennt und einigen ungläubigen "How did you get lost?" (was ich nur mit "We're not sure" beantworten konnte), hatte ich dann einen freundlichen Mitarbeiter am Telefon, der sein Bestes gab um rauszukriegen wo wir sind und was wir tun können. So fanden wir dann heraus, dass die Bucht, die wir sehen konnte, Home Bay ist (immerhin!). Um zwischen den Anrufen nicht untätig zu sein, beschlossen wir den Hügel hochzuklettern. Das darf man sich ungefähr so vorstellen: Mit einem Stock bewaffnet, den man gelegentlich in den Boden rammte und nicht wieder rückwärts runterzufallen, kletterten wir den steilen Hügel hoch. Immer wieder die Hände in die Erde und das Gras krallen und hoffen, dass der gerade gefundene Absatz nicht mal wieder unter einem wegbröselt, während immer wieder mal stachelige Pflanzen und Kletten kratzten, piksten und in den Kleidern hängen blieben.
Immer wenn wir dachten, wir wären endlich oben, kam ein neuer Anstieg in Sicht. Die letzte Etappe war klettertechnisch die Schlimmste, wobei wir an diesem Punkt eine "I don't care anymore" Einstellung hatten. Der letzte Teil vor der Hügelspitze war mit Büschen bewachsen - außen rum ging aber nicht wirklich und hätte auch zu viel Zeit gebraucht. Also biss man die Zähne zusammen und zog sich mitten durch die stacheligen Büsche und Gewächse, die man bis dato schön vermieden hatte.
Oben angekommen erreichte mich ein erneuter Anruf: Sie würden die Fähre gerade aufhalten, aber "Get your skates on".
Heißt: Rennt um euer Leben!
Rennt um euer Leben entpuppte sich aber als praktisch nicht umsetzbar, was zum einen daran lag, dass wir vom Aufstieg, der Wanderung und all dem außer Atem waren und unsere Beine langsam Gummi ähnelten, zum anderen daran dass ausgerechnet dieser spezielle Hügel mit einem Gras bedeckt war, das unter einem nachgibt (ein wenig wie ein schwammiger Boden - man bricht nicht ein, aber sinkt ein, obwohl das Gras kurz aussieht). Jeder der auf einer nicht ganz aufgeblasenen Hüpfberg herum gelaufen ist, weiß wie sich das anfühlt und was die Wahrscheinlichkeit für Rennen auf so einer Unterlage ist.
Mein Kontakt im Fullers Office teilte mir mit, dass sie die Fähre nicht mehr aufhalten konnten (Zeitplan und Leute wurden ein wenig ungeduldig), aber sie würden eine extra Fähre für uns schicken. Das fand ich dann doch überraschend, nahm das aber natürlich freudig an, auch wenn es mit extra Kosten von 150 NZD verbunden war (50 NZD pro Person). Wie mir mitgeteilt wurde, war das aber nicht einmal genug um den Sprit für die Fähre zu bezahlen (kann ich mir vorstellen...) und an dem Punkt waren wir auch einfach froh darüber, eine sichere Möglichkeit zu haben wieder heimzukommen.
Home Bay kam nun auch in Sicht und ich glaube ich habe selten so viel Erleichterung gespürt, wie beim Anblick dieses Strandes. Unten am Strand angekommen beschlossen wir dann erst einmal ein Erinnerungsfoto zu schießen. So sieht man aus, nach fast 6 Stunden Wanderung, Klettern über Zäune, entlang Klippen und Hügel durch stachelige Büsche hinauf, und das alles in der prallen Sonne:
Wie ihr sehen könnt hat uns das ungeplante Abenteuer die Laune nicht verdorben ;-) Überhaupt waren wir recht ruhig und eher amüsiert, wenn man es im Nachhinein betrachtet. Keine Tränen, keine Panik (zumindest nicht äußerlich) - so ist das Verlaufen gar nicht so dramatisch.
Als wir dann den Strand entlang liefen in Richtung Steg, zeigte sich auch gleich wieder die freundliche Natur der Kiwis: Ein Mann kam uns entgegen, der wohl mit seiner Familie in einem der zwei alten Häuser an der Bucht lebt. Er fragte uns besorgt, ob wir ein eigenes Boot hatten (da er wusste, dass die Fähre schon weg war). Wir versicherten ihm, dass ein extra Boot für uns kommen würde. Er wollte gerne das Fullers Office anrufen um sicherzustellen, dass wir abgeholt werden würden und bot uns außerdem an uns auf seinem Boot nach Auckland zu bringen. Das überraschende Angebot hätten wir liebend gern angenommen, aber beim Anruf in der Zentrale stellte sich heraus, dass die Fähre schon auf dem Weg war - zum Zurückrufen war es zu spät. Schade, aber wir dankten trotzdem und plauderten noch kurz mit der kleinen Familie, bis wir dann weiter zum Steg schlenderten.
Wir mussten uns schwer zusammen reißen nicht laut loszulachen, als eine Fähre (zwar etwas kleiner als die, mit der wir herkamen, aber immer noch riesig!) auf uns zufuhr, dachten wir doch sie würden ein kleiners Boot schicken. Zwei (gutaussehende) Männer, Kapitän und Crewmitglied, begrüßten uns grinsend und begannen eine Rampe auf das Boot aufzubauen. Unsere Frage, ob wir nicht einfach rüberspringen sollen, beantworteten sie mit "Oh no, it's fine. We don't want any accidents." Was ich trocken mit "We did worse today" konterte.
So gingen wir dann an Bord auf einer Rampe, die für uns von den beiden festgehalten wurde. An Bord durften wir unter allgemeinem Gelächter mal wieder erklären, wie wir uns überhaupt verlaufen hatten. Dann wurde nachgehakt, ob wir okay sind, ist jemand verletzt, brauchen wir einen Erste Hilfe Kasten, Sonnencreme...
Dankend lehnten wir ab und ließen uns erleichtert auf die Sitze an Deck sinken. Nach kurzer Verschnaufpause gingen wir runter ins Café, wo wir erstmal eine Wasserkanne entdeckten und diese prompt leertranken. (Wie wir später realisierten, war dass das Wasser, das man normalerweise für Kaffee verwenden kann. Ups.)
Das Crewmitglied besetzte extra für uns den kleinen Caféladen, wo wir dann unsere extra Fähre bezahlten und eine Wasserflasche kauften, bevor wir wieder hoch zu unseren frei wählbaren Sitzen gingen (es war ja sonst niemand an Bord, außer der Crew!). Jetzt, da wir sicher auf dem Weg nach Hause waren, lachten wir herzlich über das Abenteuer, verglichen unsere Schuhe, die in unterschiedlichen Stadien von "ruininiert" waren und erfreuten uns trotz der ungeplanten Extrakosten daran, eine Fähre ganz für uns zu haben. Munter winkten wir den Booten zu, an denen wir vorbeifuhren und genossen den kühlen Wind auf unserer doch etwas sonnenverbrannten Haut.Im Hafen von Auckland angekommen begrüßte uns einer der älteren Mitarbeiterinnen, die es ebenso wie die Crew eher lustig als nervig zu finden schien, dass wir uns verlaufen hatten und wir durften erneut über eine extra für uns festgehalteten Rampe laufen (wir wären auch hier gesprungen...aber "No accidents"). Wir verabschiedeten uns von den Fährenmitarbeitern mit einem Lachen und in meinem Fall den Worten "Thank you! You might get a flower bouquet."
Ein wirklich ereignisreicher Tag, ein ungeplantes Abenteuer und eine Story, die wir alle sicherlich irgendwann einmal unseren Kindern und Enkelkindern erzählen können.
"Damals wäre ich fast auf einer Insel in Neuseeland gestrandet gewesen..."
Bonus: Unsere Route (in lila)
